Manchmal hat man ja den Eindruck, Marketing und Werbung seien ganz neue Erfindungen des 21. Jahrhunderts. Zumindest tut mancher studierte XY-Consultant, -Director oder -Manager so. Neu ist aber vor allem die Masse der Werbebotschaften, die uns tagtäglich auf allen Kanälen begegnen. Die Elektronik macht’s möglich. Dass vor 80 Jahren auch schon Werbebriefe geschrieben wurden, ist heute kaum vorstellbar. Ein Mailing ohne PC, Internet, Digitaldruck und Mail-Merge-Funktion - wie soll das gehen? Es ging. Mit Qualität statt Quantität.
Zugegeben, mit Tinte und Federkiel, wie es unser Bild suggeriert, wurden die Werbebriefe natürlich auch vor 80 Jahren nicht mehr geschrieben. Aber so eine Werbebriefaktion war seinerzeit noch richtige Handarbeit. Und weil das natürlich sehr aufwändig war, hat man sich entsprechend große Mühe mit dem Inhalt und den Adressaten gegeben. Große Streuverluste konnte man sich nicht leisten.
Der Kollege Gerhard Schneider hat vor einigen Jahren begonnen, solche alten Werbebriefe zu sammeln. Zuerst hatte er nur ein paar auf seiner Homepage, dann wurden es offenbar so viele, dass er beschloss, eine eigene Website dafür einzurichten: Ein virtuelles Museum für Werbebriefe eben.
Rund 30 Exponate finden sich zur Zeit dort, die meisten davon aus den 1920er Jahren. Wenn man sie sich mal in Ruhe anschaut, dann stellt man fest, dass die Werbetexter auch damals, lange vor Werbepsychologie und Neuromarketing, schon wussten, wie man verkauft. Mit Emotionen, Witz und Originalität. Ich bin sicher, dass viele dieser alten Briefe in ähnlicher Form auch heute noch sehr gut funktionieren würden. Zum Beispiel dieser:

Über die Zahl der Aussendungen und den „Response“ ist leider nichts bekannt. Ich gehe aber davon aus, dass die 32 Uhren - vielleicht waren es in Wirklichkeit auch fünfzig oder hundert - binnen kürzester Zeit ausverkauft waren.
Reduzierung auf das Wesentliche. Was damals eine Notwendigkeit war, könnte heute eine Tugend sein. Gerade in der Werbung. Insofern ist ein Besuch im Werbebriefmuseum nicht nur interessant und kurzweilig, sondern auch durchaus lehrreich. Bitte sehr - der Eintritt ist frei:
http://www.werbebrief-museum.de
Haben Sie vielleicht auch noch ein paar alte Schätzchen in irgendeiner Kiste auf dem Dachboden? Sie müssen ja nicht aus den Goldenen Zwanzigern sein, die Rubrizierung reicht bis in die aufregenden Sechziger, außergewöhnliche Briefe späteren Datums werden aber vermutlich auch gern genommen.
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